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Wider den Spielzeug-Luther

Was hätte Martin Luther zu den großen Krisen dieser Zeit gesagt? Dieser Frage sind in den vergangenen sechs Jahren mehr als 50 Theologinnen und Theologen aus aller Welt nachgegangen - und haben 94 neue Thesen zum Kapitalismus und zur Gewaltfreiheit formuliert.

01. Februar 2017

Katja Dorothea Buck

 

Am Anfang stand die Wut über die „Vermarktungsorgie“. So nennt Ulrich Duchrow die auf Öffentlichkeitswirksamkeit zugeschnittenen Aktionen und Projekte rund um das Reformationsjubiläum. „Wir wollten dem etwas entgegensetzen und uns inhaltlich mit den Kernaussagen Luthers beschäftigen“, sagt der Heidelberger Theologe.

Mehr als 50 evangelische Theologen aus aller Welt haben die Idee aufgegriffen. In den vergangenen sechs Jahren haben sie in dem informellen Forschungsverbund „Die Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise“ Luthers Schriften in Hinblick auf das kapitalistische Wirtschaftssystem, den interreligiösen Dialog sowie Klimawandel und Umweltschutz gegengebürstet und geschaut, was davon in die heutige Zeit übertragen werden kann – etwa Luthers Kritik am Frühkapitalismus – und von was man kritisch Abstand nehmen sollte, etwa sein Antijudaismus. Pünktlich zu Beginn des Jubiläumsjahres haben sie bei einer Konferenz in Wittenberg ihre Ergebnisse zusammengetragen, darunter 94 neue Thesen zum Kapitalismus und zur Gewaltfreiheit.

Die wollen sie der kirchlichen Basis zur Verfügung stellen. Denn längst ist die Wut der Initiatoren der Begeisterung gewichen, dass reformatorische Inhalte genauso ihr Publikum finden wie Luther-Figuren aus Plastik und pompöse Festveranstaltungen zu Ehren des Reformators.

„Wir bekommen ständig Anfragen von Gemeinden und Einzelpersonen, die mit Luther Antworten auf die großen Themen dieser Zeit finden wollen“, sagt Duchrow. Das kleine Heft mit den 94 neuen Thesen sei schon vier Mal nachgedruckt worden. Vielen sei angesichts von Finanzkrise, Klimawandel und den weltweiten Flüchtlingsströmen klar, „dass wir so wie bisher nicht weitermachen können.“ Die Kernaussagen aus dem Studienprozess sollen in kurzen Texten so aufbereitet werden, dass sie in der Gemeindearbeit eingesetzt werden können.

Doppelte Solidarität mit Israel und Palästina

An der Aussage der Theologen, Kapitalismus und Imperialismus seien die Ursachen der globalen Krisen, werden sich vermutlich die wenigsten reiben. Auch bei den Forderungen nach einer ökologisch sensiblen Landwirtschaft und einer gerechten Landverteilung werden viele mitgehen können. Gegenwind wird es dagegen bei der interreligiösen Solidarität mit Israel und Palästina geben, bei dem insbesondere deutsche Kirchenkreise zu Lagerbildung und Grabenkämpfen neigen. An diesem Beispiel machen die Theologen zum einen deutlich, dass Kirchen und Christen sich dringend von Luthers Antijudaismus distanzieren müssen, zum anderen aber auf Grundlage des Gerechtigkeitsgedankens eine doppelte Solidarität mit Israel und Palästina notwendig ist.

„Wir verwerfen alle Formen von Antisemitismus und gleichzeitig alle Theologien, die die Enteignung und andauernde Unterdrückung der Palästinenser unterstützen und legitimieren“, heißt es in der Abschlusserklärung des Projektes, die unter dem Titel „Gerechtigkeit allein“ auf wenigen Seiten die Kernaussagen festhält. Alle Kirchen sollten die gewaltfreien Maßnahmen des Boykotts, der Desinvestition und der Sanktionen (BDS) gegenüber der israelischen Wirtschaft in den besetzten palästinensischen Gebieten unterstützen, heißt es weiter. Duchrow, der seit langem in der Kairos-Palästina-Bewegung aktiv ist, kennt die Konflikte bei diesem Thema. „Umso wichtiger ist es, dass die theologischen Studien, die diesen Aussagen zugrunde liegen, einem breiten Publikum zur Verfügung gestellt werden“, findet er.

International ist das Interesse größer

Verteilerkanäle etwa über die Landeskirchen hat der Forschungsverbund nicht. Auch der Kirchentag hat bereits signalisiert, dass er dem Projekt beim diesjährigen Protestantentreffen Ende Mai in Berlin kein Forum bieten wird. Anders sieht es fern vom Ursprungsland der Reformation aus. So hatte eine indische Zeitschrift ihren Chefredakteur zur Abschlusskonferenz in die Lutherstadt geschickt für eine Sonderausgabe zum Thema Reformation. Auch in Brasilien, Indonesien, Südkorea und den USA sei das Interesse ungemein groß, sagt Duchrow. Er setzt bei der Verbreitung der Inhalte auf das Internet und die persönlichen Netzwerke der beteiligten Theologen.

Helfen könnten auch die klaren Worte von Kirchenvertretern aus dem Ausland, etwa des Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, Bischof Munib Younan aus Jerusalem. Der hatte bei der Konferenz die deutschen Kirchen aufgefordert, mehr Druck auf die Politik auszuüben. „Wir schätzen es, dass das deutsche Volk seiner Verpflichtung zur Wiedergutmachung dem jüdischen Volk gegenüber nachgekommen ist“, sagte er. Es sei jedoch höchste Zeit, dass auch den Herero Gerechtigkeit widerfahre, die ebenfalls Opfer eines von Deutschland initiierten Genozids geworden seien. „Dafür sollten sich die deutschen Kirchen im Reformationsjahr einsetzen.“

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